Ihr da unten, wir da oben – „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist

Die erste Inszenierung von Michael Thalheimer am Deutschen Schauspielhaus ist beklemmend, nicht nur, weil schon das Bühnenbild von Olaf Altmann die gesellschaftlichen Verhältnisse mehr als deutlich macht, sondern auch, weil die Unüberwindbarkeit des Systems durch eine sich immer wiederholende, bedrohliche Melodie, die das ganze Stück begleitet, unterstrichen wird. Richter Adam bewegt sich langsam von links durch diesen einfach strukturierten Setzkasten, der direkt am Bühnenrand positioniert ist. Links muss sich jeder ducken, auch er, nur Eve wird hier später als einzige aufrecht stehen können. Adam ist nackt und verdeckt seine Blöße notdürftig mit seinem Kleiderbündel. Von oben drückt eine düstere Wand den schmalen Gang gefühlt noch weiter herunter. Rechts dagegen thront der Richterstuhl in Form eines voluminösen schwarzen Ledersessels. Das ist seine Seite und Richter Adam nimmt sie langsam, aber sicher in Besitz. Das Kleiderbündel fortgeworfen, schleicht und kriecht er über die Bühne und den Sessel, auf dem er sich lümmelt und fläzt und ihn seine Nacktheit nicht wirklich zu stören scheint. Es gibt nur ein Körperteil, das er bedeckt halten will und das ist sein Klumpfuss.

Richter Adam (Carlo Ljubek) und Schreiber Licht (Christoph Luser)


„Der zerbrochne Krug“ ist die Geschichte einer Anklage, in der es um eine Nichtigkeit geht, die das wahre Verbrechen erst zu Tage fördert, als das Opfer Eve das Schweigen bricht. Die Inszenierung  von Michael Thalheimer ist kein Lustspiel, auch wenn man über die ausschweifende Geschichte der Herkunft des Krugs von Frau Marthe (gespielt von Anja Laïs) vorgetragen, doch schmunzeln muss und ebenfalls bei der Aussage von Ruprecht (dargestellt von Paul Behren), dem Verlobten von Eve, der ihr vielleicht einfach ein wenig mehr hätte vertrauen sollen. Sie sind alle überzeichnet in ihrem Auftreten und ihren allzu ausführlichen Schilderungen eines Ereignisses, in der ein Gegenstand im Mittelpunkt steht, der vielleicht tatsächlich einen ideellen Wert hat, aber dessen Zerstörung eben nicht wirklich der Rede wert ist.

Den Richter Adam spielt Carlo Ljubek in der 100 Minuten kurzen Inszenierung durchgehend nackt und die Provokation liegt wohl eher darin, dass er sich alles, sogar das leisten kann. Denn in dieser Inszenierung wird nicht das allgemein bekannte Ende gezeigt, das fast ein Happy End ist, wenn Eve und Ruprecht wieder zusammen kommen, während der Richter Amt und Ehre verliert. Nein, in dieser Inszenierung wird die Wahrheit gebeugt und mit Geld zum Schweigen gebracht, um zusätzlich erneut das Opfer sexuell zu nötigen, wobei es der Interpretation des Zuschauers überlassen bleibt, wie weit diese geht.

Klägerin wie Beklagte haben sich dem System zu unterwerfen, auch wenn sie scheinbar von dem an diesem Morgen angereisten Gerichtsrat Walter vor der Willkür Richter Adams geschützt werden, so ist das doch nur so lange der Fall, so lange es um einen schnöden Krug geht, dessen Zerstörung sich zunächst leicht und dann gar nicht aufzuklären scheint. Hier kann der Gerichtsrat den von der Macht der Gesetzeshüter abhängigen Hoffnung machen, dass doch selbst so eine Kleinigkeit ordnungsgemäß aufgeklärt wird. Doch dies gilt nur, bis offensichtlich wird, dass ein Gleichrangiger der eigentliche Täter ist. Und eine Krähe hackt der anderen nun mal kein Auge aus und schon gar nicht dann, wenn damit die grundsätzlichen Gesellschaftsstrukturen in Frage gestellt werden. Denn was ist schon passiert. Die naive Eve hat doch tatsächlich angenommen, dass die Freistellung ihres Verlobten vom Militärdienst ohne Gegenleistung zu haben ist? Und damit sie das auch endgültig verinnerlicht, weiß ihr das der Gerichtsrat sehr eindringlich klar zu machen. Kleist hat vermutlich selbst nicht so recht an ein Ende geglaubt, das Eve und Ruprecht wieder glücklich zueinander finden lässt. Nein, ihre Liebe zu Ruprecht, ihre Sorge um ihn ist es, die die Mächtigen ausnutzen, um sie sich gefügig zu machen.

Und wenn man nun diese Inszenierung und ihre Interpretation von Kleists Drama auf unsere heutigen Verhältnisse überträgt, so mag es heute zwar Gesetze geben, die Frauen vor sexueller Belästigung und Nötigung schützen sollen, aber so lange es Männerbündnisse gibt, wie das von Richter Adam und Gerichtsrat Walter, werden es Frauen immer wieder erleben, dass ihnen trotz klarer Beweislage nicht geglaubt wird.

 

„Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist
Regie:Michael ThalheimerBühne:Olaf AltmannKostüme:Michaela BarthMusik:Bert WredeDramaturgie:Jörg BochowLicht:Annette ter MeulenTon: André Bouchekir, Matthias Lutz
Premiere am 25/03/2017 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

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