„Frau Müller muss weg“ oder Wie ein Plan ganz schnell aus dem Ruder laufen kann


Sönke Wprtmann und Gabriela Maria Schmeide im Abaton

Sönke Wprtmann und Gabriela Maria Schmeide im Abaton

Die Sache scheint ganz einfach zu sein. An einem Samstag, es ist wohl später Nachmittag, laufen fünf Eltern auf, um die Klassenlehrerin ihrer Kinder mal kurz vor die Tür zu setzen und sich danach den üblichen Samstagsabend-Beschäftigungen zu widmen. Sie tun dies stellvertretend für die gesamte Elternschaft, die ansonsten nur in Form einer Unterschriftenliste anwesend ist. Alles ist beschlossene Sache und sollte an sich keine große Sache sein. Und Frau Müller – dargestellt von Maria Gabriela Schmeide – ist schon prädestiniert als Opfer auserkoren zu werden. Eher klein und rund lädt sie schon deshalb dazu ein, sich über sie lustig zu machen. Dass sie dazu auch noch Grundschullehrerin in Dresden an der Juri-Gargarin-Grundschule ist, ist in dem Fall wohl eher so eine Art persönliches Pech, denn eine Frau Müller wie sie würde sich auch im Westen finden. Und auch wenn das Zusammenraufen von Ossis und Wessis eine Rolle spielt, würde man auch dieses Eltern-Ensemble an jeder beliebigen Grundschule dieser Republik finden.

Und so treffen sie auf einander in einer zunächst scheinbar sehr unfairen Gegenüberstellung: Die Karrierefrau Jessica Höfel – verkörpert von Anke Engelke, der vom Ehrgeiz zerfressene Vater Wolf Heider (Justus von Dohnányi), die Mutter des Musterschülers Katja Grabowski (Alwara Höfels) und die Helikoptermutter samt Ehemann Marina und Patrick Jeskow (Mina Tander und Ken Duken). Sie alle eint nur die Sorge, dass ihr Nachwuchs am Ende der vierten Grundschulklasse nicht die Empfehlung fürs Gymnasium erhalten könnte und das einzige Hindernis ist aus ihrer Sicht Frau Müller ist, die der Klasse nicht gewachsen scheint.

Doch schon bevor dieser Elternabend beginnt, wird deutlich, dass es mit der Einigkeit nicht allzu weit her ist. Effizienz trifft auf fast manische Egozentrik, wenn Jessika Höfel das Problem so wie im Job im Schnellverfahren erledigen möchte – und dass sie Spaß daran hat, merkt nicht nur ihr Mann, der sich lieber raus hält und gar nicht erst an diesem denkwürdigen Ereignis teilnehmen möchte. Ihr gegenüber steht der arbeitslose Wolf Heider, der sich selbst in die Versager-Rolle gedrängt fühlt und seine Tochter zu seinem persönlichen Vorzeige-Projekt erklärt hat und kein anderes Thema kennt, was die Strategie von Jessika zu durchkreuzen droht, die nun mal gelernt hat, dass persönliche Gefühle und individuelle Schicksale im Grunde uninteressant sind.

Als Frau Müller erscheint, ist die Stimmung somit schon leicht angespannt. Dennoch hat speziell Jessika immer noch die Hoffnung, das Problem schnell ad acta legen zu können. Aber da hat sie die Rechnung ohne Frau Müller gemacht. Die ist nämlich selbstbewusster, als sich das die lieben Eltern gedacht hatten und bricht auch nicht in Tränen aus, wie es wohl vor deren Kindern schon mal passiert ist. Im Gegenteil. Schneller als es den Fünfen lieb ist, erhalten sie von Frau Müller eine im Grunde niederschmetternde Bilanz präsentiert, dass aus Sicht von Frau Müller die Ursache für schlechte Noten und ein gewisses Chaos bei den lieben Kleinen in ihrem Elternhaus zu suchen ist. Und als dann die Mutter des Klassenbesten, Katja Grabowski, das scheinbar gut gehütete Geheimnis der Lehrerin, als Trumpfkarte ziehen will, stellt sich heraus, dass die „Therapie“, die Frau Müller regelmäßig aufsucht, nicht ihrer strapazierten Seele, sondern ihrem lädierten Rücken dienen soll.

Und so zieht es Frau Müller auch vor, diese aus ihrer Sicht vollkommen absurde Veranstaltung zu verlassen. Da sie allerdings ihre Handtasche zurück lässt, begeben sich die Eltern auf die Suche nach ihr in der Schule. Und nun lernen die Zuschauer die Eltern erst so richtig kennen. Schon bald ist es vorbei mit Höflichkeitsfloskeln und die Masken fallen. Da wird dem arbeitslosen Wolf das Mitspracherecht abgesprochen und Wessis machen sich sehr zur Freude der Ossis gegenseitig fertig. Längst beendete Affären werden nun endgültig zu Grabe getragen und die Ehe von Marina und Patrick durchläuft in diesen paar Stunden alle Höhen und Tiefen, um am Ende des Films kurz vor der Trennung zu stehen. Aber vielleicht hilft die kalte Dusche, die Jessika allen verpasst ja doch und die Erkenntnis, dass es eben doch oftmals anders kommt als man denkt.

Zur Premiere von „Frau Müller muss weg“ war das Abaton natürlich ausverkauft, zumal der Regisseur und Gabriela Maria Schmeide zu Gast waren.Gut gelaunt beantworteten die beiden Fragen von Abaton-Geschäftsführer Matthias Elwardt und den Zuschauern. Sönke Wortmann präsentiert eine Gesellschaftskomödie, die nicht nur der Zielgruppe Lehrern und Eltern gefallen dürfte. Nicht ganz so böse wie „De Gott des Gemetzels“, der natürlich grüßen lässt, aber natürlich darf der Zuschauer am Ende den Kinosaal mit einer gewissen Schadenfreude verlassen, denn Frau Müller ist ganz bestimmt kein Opfer.

0 thoughts on “„Frau Müller muss weg“ oder Wie ein Plan ganz schnell aus dem Ruder laufen kann

  1. Ich bin ja immer noch der Meinung, dass dieser Film unter Rubrik „Dokumentarfilm“ gezeigt werden sollte. Gefallen hat er mir trotzdem. 🙂

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