Der rote Faden der (Familien)-Geschichte – „Das achte Leben (Für Brilka)“ am Thalia Theater

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe den Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili nicht gelesen. Dennoch habe ich natürlich der Versuchung nicht widerstehen können, die eine oder andere Rezension zu lesen und bin somit garantiert nicht völlig unvoreingenommen in die Aufführung gegangen. Meine Erwartungen wurden allerdings am meisten von Regisseurin Jette Steckel und Nino Haratischwili selbst geschürt durch das Interview im NDR Kultur – Classic à la carte.

Wenn man liest, dass ein knapp 1300 Seiten Werk auf die Bühne gebracht werden soll, das eine Familiengeschichte über sechs Generationen und die von Georgien über das 20.Jahrhundert mit seinen Kriegen und gesellschaftlichen wie politischen Umbrüchen erzählt, dann habe ich zunächst einmal großen Respekt vor so einem Plan.

Zwischen Niza und ihrer Ururgroßmutter Stasia, die im Jahr 1900 geboren wird, spannt sich der Bogen und reicht am Ende bis zur titelgebenden 12jährigen Brilka ins Jahr 2006. Und so sind es auch diese drei Figuren, die die Zuschauer als erstes kennenlernen. Idylle pur beim Gespräch als Stasia Niza ihre beider Leben als Fäden in einem Teppich und die Ereignisse als Muster beschreibt. Doch Muster wiederholen sich und somit auch das Auf und Ab im Leben dieser Familie, die zwar vor allem von Stasia zusammen gehalten wird, wodurch aber keine der vielen Katastrophen abgewendet werden kann. Und auch wenn Kostja, Stasias Sohn, irgendwann bemerkt, dass ihre Heimat Georgien doch nur am Fuße der großen Sowjetunion existiert und viel zu weit weg von allem ist, um von Interesse zu sein, so kann sich kaum ein Mitglied der Familie Jaschi den Kriegen und Machtspielen der Regierenden entziehen.

Und so teilt sich die Bühne in das private Refugium der Jaschis und die Welt, getrennt durch diesen Teppich, der im Verlaufe des Stücks sich immer weiter in den Bühnenraum entrollt. Die Welt, das ist die Steppe Georgiens, durch die Stasia mit ihrem zukünftigen Mann Sascha Jaschi reitet (Barbara Nüsse und Mirco Kreibich wirbeln hier über die Bühne), Moskaus Straßen mit Aufmärschen, ein Maskenball, auf dem Christine (gespielt von Karin Neuhäuser) unglücklicherweise mit dem Geheimdienstler Lawrenti Beria in Kontakt kommt, der als späterer Chef desselben, seine Interessen durchzusetzen weiß, was die Ehe zwischen Christine und ihrem Mann Ramas in einer Katastrophe enden lässt.

Dieser Teppich an sich ist fast schon den Besuch des Stücks wert, wenn man sich Zeit für die Details nimmt. Hier hat Bühnenbildner Florian Lösche etwas wirklich sehenswertes geschaffen. Aber der Teppich dient auch als Leinwand für historische Aufnahmen aus Georgien und natürlich für diejenigen von Kriegsberichterstattern. Wenn die Geschichte das Leben der Jaschis überrollt, verwandelt sich die Bühne in einen Multi-Media-Raum, der mit viel Sound und eindringlichen Bildern die Ereignisse des letzten Jahrtausends lebendig werden lässt.

Und so folgt man all diesen Menschen durch die Jahrzehnte. Es wird geheiratet, Kinder werden geboren, Männer ziehen in den Krieg und kehren zurück oder auch nicht. Kitty, Stasias Tochter, erlebt auf wohl grausamste Weise, was es heißt, den falschen Mann zu lieben. Sie zahlt einen hohen Preis, sogar für ihre Rache, denn sie muss Georgien verlassen und Zuflucht im Westen suchen. Danach bleibt ihr lange nur das wöchentliche Telefonat mit einem ihr unbekannten Wohltäter. Die Geschichten der Familie reihen sich aneinander, während das Rad der Weltgeschichte sich dreht und dreht. Gemeinsam ist den Frauen der Familie Jaschi, dass sie nicht unbedingt ein glückliches Händchen bei der Wahl ihrer Männer haben und sie eint auch, sich nicht immer gesellschaftlich konform zu verhalten.

Bis auf Brilka werden die Frauen der Familie Jaschi nur von Schauspielerinnen verkörpert, aber fast alle anderen Frauen im Stück werden von Mirco Kreibich und André Szymanski dargestellt. Letzterer ist die androgyne Dichterin Sopio Eristawi, die große Liebe Stasias. Sie zieht deren Sohn gemeinsam mit ihren Kindern auf, als die Künstlerin in Ungnade fällt. Alle übrigen Figuren sind aber lt. Programmheft eigentlich „Brilka als:“  Es sind die Personen, die entscheidend sind für das Schicksal des Jaschi-Clans. Beginnend mit Stasias Mann Sascha, Rama, dem Mann Christines, der ihrer ungewollte Affäre mit Lawrenti Beria auf gnadenlose Weise ein Ende setzt, Georgio Alani, der wohl einzige Freund Kostjas, dessen wahre Bedeutung sich erst spät zeigt, und Ida, die erste und wohl auch einzig echte Liebe Kostjas sowie noch einige mehr. Die Szenen mit diesen Figuren sind es,  die zeigen, wie die Mitglieder der Familie Jaschi immer wieder in eine emotionale Zerrissenheit geraten und nicht wagen, das Richtige zu tun. Stasia verliert ihre große Liebe, Christine ihren Mann, Kostja Ida, Kitty ihr Kind und ihren Mann und Daria sogar den Lebensmut. Und erst Niza scheint am Ende zu erkennen, dass Brilka sich davon befreien muss, damit sich die Geschichte nicht immer wieder aufs neue wiederholt.

Was die Gefühle und ihren Ausdruck angeht, so muss hier auf jeden Fall die Musik erwähnt werden, die zum Teil von Künstlern aus Georgien stammt und unter anderem auch während einer Reise des Ensembles nach Georgien zur Vorbereitung auf die Inszenierung entdeckt wurden. Wie immer in den Inszenierungen von Jette Steckel liefert die Musik nochmal den entscheidenen Impuls, das Innenleben der Figuren zu zeigen.

„Das achte Leben (für Brilka)“ ist eine Inszenierung, die trotz ihre Länge von 4:30 Stunden niemals langweilig wird, denn dazu werden viel zu viele Geschichten erzählt. Im Teppich des Lebens liefern diese ein durchaus interessantes Muster, das sich dekorativ wie spannend wiederholt, aber sie sind eben auch nicht frei und am Ende bleibt die Frage offen, ob Brilka die Aufforderung ihrer Tante in die Tat umsetzen und sein wird, was sie will.

Uraufführung „Das achte Leben (für Brilka)“  Premiere 8. April 2017 am Thalia Theater von Nino Haratischwili, Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Musik: Mark Badur, Darsteller Lisa HagmeisterFranziska HartmannMirco KreibichKarin NeuhäuserBarbara Nüsse,  Sebastian RudolphMaja SchöneCathérine SeifertAndré SzymanskiDramaturgie Julia LochteEmilia Linda HeinrichKostüme: Pauline HünersChoreografie Yohan StegliVideo Zaza Rusadze

 

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