Was ist LARP? – Oder wie fühlt man sich als Goblin

LARP ist, wenn man morgens bei den Duschen auf Wesen mit spitzen Ohren trifft (nein, dann ist man nicht auf dem Planeten Vulkan aufgewacht!). LARP ist auch, wenn man komisch angeguckt wird, weil man vor diesen Sanitäranlagen rumsteht und scheinbar zu niemanden gehört. Und die Leute, die einen anstarren, tragen mittelalterliche Gewänder und seltsame Kopfbedeckungen. Und es kann sogar vorkommen, dass eine Ork-Frau vorbeikommt, die freundlich „Hallo“ sagt. Später habe ich dann erfahren, dass ich einfach nur meine Hände vor der Brust hätte kreuzen müssen, um nicht misstrauisch beäugt zu werden. Denn dann wäre ich quasi gar nicht da gewesen. So, so, denke ich bei mir und warum sagt man mir das erst viel später?!

Aber was ist LARP denn nun? Live Acting Role Play bedeutet die Abkürzung, aber auch das kann vieles bedeuten und weil das so ist, erzähle ich hier nur von meinen Erfahrungen als Anfängerin bei der Convention „Pakyrion – Auf der Suche nach dem verlorenen Ei“.

Meine erste Erfahrung führt mich also nach Pakyrion, ein Land, in das man eigentlich nur über Portale gelangen kann, aber ich werde dort ja einen NSC, einen Nicht-Spiele-Charakter darstellen und somit ist für mich alles sowieso irgendwie anders als für die sogenannten Spiele-Charaktere. Empfangen werde ich noch OT=Out Time von meinem  Freund, der sich dafür entschieden hat, unauffällig zu bleiben und mich nicht als Seher Beregil, den er die letzten Tage dargestellt hat, am Bahnhof von Neubrandenburg zu empfangen. Schnell erzählt er mir noch auf der kurzen Fahrt ins Museumsdorf Passentin, was ich wissen muss und schon schleichen wir uns möglichst unauffällig zu seinem Zelt und dort werde ich zu Katharina, die ihm nach Dassrau, einem Dorf in Pakyrion gefolgt ist. Ab jetzt sind wir IT=In Time und benehmen uns ein kleines bisschen anders als gewöhnlich.

Dassrau ist ein wirklich malerisches Dort (genauso wie OT das Museumsdorf Passentin) und wäre da nicht das Problem mit einem verlorenen Dämonen-Ei, wäre es einfach nur ein friedlicher Ort, in dem die Bewohner ihrem Tagewerk nachgehen und es höchstens laut wird, wenn der eine oder andere am abendlichen Lagerfeuer ein bisschen zu viel Met getrunken hat. Aber nun ist das Ei verschwunden, auf das die Dorfbewohner aufpassen sollten und in dem dummerweise das Enkelkind von einem Dämonen steckt, der not amused ist, dass er nicht weiß, was nun aus seinem Nachkommen werden soll. Also haben die Dorfbewohner und ihre Gäste in Gestalt von Rittern und anderen Durchreisenden wie zB Händlern mächtig Stress, denn der zukünftige Großvater hat ihnen nur drei Tage Zeit gegeben, die Sache in Ordnung zu bringen.

Von all diesen Problemen merke ich zunächst nicht viel. Ich bekomme das Dorf gezeigt, lerne ein paar Bewohner kennen und dann gibt es auch schon Abendessen, für das ich aber zum Glück nicht mehr arbeiten muss, denn das hat Beregil schon erledigt. Auch in Pakyrion gilt „Ohne Moos nichts los“ und zumindest 3 Kupfer fürs Abendessen sollte man sich über Tag verdient haben. Nach dem wirklich reichlichen Mahl, das man dafür bekommt, wird es Zeit für die Gute-Nacht-Geschichte für die Kinder. Gerne hätten wir dieser auch bis zum Ende des aktuellen Kapitels gelauscht, aber plötzlich kommt die SL (=Spieleleitung) und teilt uns mit, dass dringend ein paar Goblins benötigt werden. Nun heißt es schnell die Gewandung (von manchen auch „nur“ Kostüm genannt) zu wechseln und sich beim Fundus einzufinden, um zum einen noch die obligatorische möglichst alberne Kopfbedeckung zu finden und das Briefing zu erhalten. Doch ich habe noch ein dringendes Geschäft zu erledigen und werde somit ohne es zu wissen zu einem Objekt des Misstrauens, als ich anschließend auf die anderen warte. Doch letztendlich haben die Spieler anderes zu tun, als sich um diese komische Gestalt mit Schlapphut zu kümmern. Und so ziehen sie davon, um im benachbarten Maisfeld… Pardon! Stimmt ja gar nicht, denn natürlich machen sie sich auf den Weg, um im ans Dorf grenzenden Gebirge in einem weit verzweigten, labyrinthischen Höhlensystem nach dem vermissten Ei zu suchen. Und da kommen wir und die Ghuls, Untote, die von den Goblins nur abfällig Schleicher genannt werden, ins Spiel. Denn es gilt ja nicht nur verzwickte Rätsel zu lösen, sondern auch mit dem einen oder anderen Höhlenbewohner zurecht zu kommen.

Goblins sind friedfertig, aber sie lieben es, Schabernack zu treiben. Und Fundus, Schwups und Du sind ein Trio, das ganz schön nerven kann. Wir können in Höhlenwänden verschwinden und plötzlich an anderer Stelle wieder erscheinen (was in einem Maisfeld, in dem das Labyrinth angelegt wurde, ja auch kein echtes Problem darstellt). Und so haben wir viel Spaß dabei, richtig albern zu sein und den Spielern Streiche zu spielen. Aber wir haben auch eine Aufgabe, denn eine Spielerin musste unbedingt in die schleimigen Absonderungen einer Pflanze greifen, in der sich Würmer befanden, die zu ihrem baldigen Ableben führen werden, wenn nicht einer von uns Goblins diesen aus ihren Blutgefäßen saugt. Aber das machen wir doch sehr gerne, denn Goblins lieben diese Würmer, haben aber genau dasselbe Problem wie die Menschen, dass sie diese nicht direkt aus dieser unangenehmen Sekreten der Pflanze fischen können. Natürlich läuft alles zur Zufriedenheit der Spieler, die diesen heißen Tipp mit den Goblins, die Würmer lieben, übrigens vom Seher Beregil erhalten hatten. Merke: Als NSC sind die Aufgaben genauso vielfältig wie es der SL gefällt oder abhängig davon, was für einen Unsinn die Spieler anstellen. Dieser Abend endet jedenfalls für Beregil und Katharina bei einem Bier im Mondenschein, denn Goblins trauen sich nicht ins Dorf und bleiben lieber in dem Höhlensystem versteckt.

Der nächste Morgen bringt zunächst Regen, aber zum Glück setzt sich die Sonne wieder durch und so können die Dorfbewohner friedlich ihr Frühstück im Freien einnehmen und sich zunächst wieder ihren Gewerken widmen. Für mich steht Brotbacken an, aber kaum ist der Teig fertig, muss ich mich wieder in Schwups verwandeln und die Auffindung des Eies vorantreiben. Hier werde ich Zeugin eines wahrlich historischen Ereignisses, denn der Goblin Du erfährt die Ehre, zum Ritter geschlagen zu werden. Trotz der vielfältigen Aufgaben als NSC bleibt aber noch Zeit, eine mallorquinische Steinschleuder zu flechten und mir die Karten legen zu lassen, denn ich muss ja wissen, ob Katharina diesem Beregil vertrauen kann.

Als gerade das Abendessen verteilt wird, heißt es plötzlich „Time freeze“ und der Dämon erscheint samt Gefolge und wir NSCs beschließen, rasch weiter zu essen, denn man kann nie wissen, was nun passieren wird. Und so kommt es wie es kommen muss, ich verwandele mich im Laufe des Abends auch noch in einen Dämon, damit die Dorfbewohner und ihre Gäste den Ober-Dämon auch ernst nehmen. Der muss dann aber am Ende mit der Demütigung fertig werden, dass das Ei wieder da ist, aber im Schein des Vollmondes nur eine elender Halb-Dämon geboren wird und er somit wohl ein ernstes Wort mit seiner Tochter reden muss. Wie auch immer: Ende gut, alles gut und die Dorfbewohner und ihre Gäste können das Fortbestehen von Dassrau bei reichlich Met und Bier feiern.

Doch mit diesem Happy End naht auch der Zeitpunkt, zu dem wir alle wieder OT sind und es Abschied nehmen heißt von diesem geheimnisvollen Land Pakyrion mit seinen seltsamen Bewohner, Gefahren und vielerlei Rätseln, die es zu lösen gilt. Und so ist es ein komisches Gefühl, am nächsten Morgen wieder seine normale Kleidung zu tragen und Autos auf dem Gelände fahren zu sehen. Ich ahne nach nicht mal 2 Tagen Pakyrion, wie schwer die Umstellung fallen muss, wenn man fünf Tage in diese andere Welt eintauchen konnte. Aber das werde ich wohl im nächsten Jahr erleben, wenn ich wieder zu Katharina, Schwups und wer weiß wem werde. Und wie das aussehen kann, seht ihr hier.

Ist die Frage, was ist LARP, damit beantwortet? Nein, natürlich nicht, denn ich war ein NSC. Noch habe ich keinen Charakter erschaffen, mit Erfahrungen und Fähigkeiten, die ich in unserer Welt niemals haben werde und einem Lebenslauf, der so manche Irritation auslösen könnte, aber nicht in der Welt des LARP, wo die Grenzen, dessen was möglich ist, eigentlich nur durch die Regel „Du bist was Du darstellen kannst“ definiert wird.

3 thoughts on “Was ist LARP? – Oder wie fühlt man sich als Goblin

  1. Haha, das klingt nach viel Action. Obwohl ich gern Theater spiele, reizt mich LARP gar nicht so sehr. Aber dennoch lese ich immer total gern Berichte darüber und freue mich, wie sehr die Spieler (inkl. NSCs, die sind ja auch Spieler, wenn auch nicht die Hauptcharaktere) darin aufgehen, und wieviel Liebe in die ganze Ausstattung und die Kostüme gesteckt wird. Großes Kino! 🙂

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