„≈[ungefähr gleich]“ oder Von der Unmöglichkeit das Leben im voraus zu kalkulieren

Geld regiert die Welt, also streben alle nur danach. Huldigen dem Gott Mamona, wie er in diesem Stück einige Male genannt wird und stellen ihn über alles andere. Da sind Andrey, Martina, Mani und Freja. Sie alle fühlen sich von der Gesellschaft betrogen und lösen jeder auf seine Weise das Problem. Andrej ist im Hamsterrad gefangen, das ihn nach oben bringen soll. Dort wo es Champagner statt Sekt gibt. Doch der scheinbar gerade Weg, den er einschlägt und auf dem er sich abrackert, führt ihn am Ende doch nur zu einem Hilfsjob in einem Kiosk. Martina, die von der Selbstversorgung durch einen eigenen kleinen Bio-Bauernhof träumt, wehrt sich nach Kräften gegen die inneren Dämonen, die sie immer wieder daran erinnern, wie sehr sie doch vom Leben betrogen wird. Angestellt im Kiosk, in den es auch Andrej verschlägt, wird sie am Ende ihren Wunschtraum aufgeben und ihr schmales Budget mit Betrug aufbessern. Ihr Mann Mani fällt im wahrsten Sinne des Wortes auch durchs Raster. Als Honorarkraft an der Uni träumt er von einer Festanstellung, um endlich Theorien, die vor langer Zeit entwickelt wurden, weiter zu erforschen und ihre Gültigkeit für unsere Gegenwart zu beweisen. Und Freya wird das Opfer von Martinas zweitem Ich, das sie über die Klingen springen lässt, um die eigene Haut zu retten. Aber auch Freya weiß sich zu wehren.

 © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Vier Personen, die von Christina Geiße, CathŽérine Seifert, Steffen Siegmund und AndrŽé Szymanski mit großer Spielfreude auf die eher karge Bühne gebracht werden (Bühnenbild:Judith Oswald) . Dort dominiert eine Rampe, die einer Waage gleich, zu Beginn noch im Gleichgewicht ist, schon bald zur einen Seite kippt. Auf ihr ein Berg von Cent-Münzen, der sich schon bald ins Rutschen gebracht, auch jenseits der Rampe verteilt. Auf ihm wälzt sich Andrey, doch es bleibt eben nur ein Cent-Bad und auch alle anderen werfen mit Geld um sich, das aber doch eher unterstreicht, wie wenig ihnen der Gott Mamona zugestanden hat.

Nacheinander erzählen sie ihre Geschichten und so verschachtelt diese auch daher kommen mögen, sie klären sich im Laufe des Abends immer weiter auf. Steffen Siegmund spielt Andrey mit großer Wut und Intensität, während AndrŽé Szymanski als Mani fast schon wie ein Moderator des Ganzen erscheint und mehr über die anderen als sich, den Wirtschaftswissenschafter spricht. Erst ganz zum Schluss kommen seine Sehnsüchte zum Ausdruck. Seine Frau Martina – gespielt von CathŽérine Seifert – dagegen bleibt viel Raum, ihren Traum vom autarken Leben auf dem Bauernhof auszumalen. Aber da sind noch ganz andere Wünsche, die quasi als ihr Es – gespielt von Christina Geiße – in ständigem Widerstreit mit ihr sind und immer wieder an die Oberfläche drängen, bis sie schlussendlich die Oberhand gewinnen und Martina ihre Ideale langsam aber sicher über Bord wirft.

Und dann ist da noch Peter, der Obdachlose, wichtiger Part in all diesen Geschichten, der aber trotzdem gesichtslos bleibt, so wie auch offen bleibt, ob Andrey ihn tatsächlich als einziger durchschaut hat. Sie alle stehen in einer Beziehung zu Peter und er symbolisiert doch das, was sie alle fürchten und zu vermeiden versuchen: Das Scheitern in einer Welt, in der am Ende nur das Geld zählt. Ideale werden geopfert und notfalls geht man über Leichen. Geld muss man haben, hat man es sich erarbeitet, darf man es aber nicht verschwenden und schon gar nicht genießen. Andreys Mutter kann den Sekt erst entspannt trinken, als sie sicher ist, dass ihr Sohn ihr nur vorgegaukelt hat, dass es sich um Champagner handelt. Martina verkneift sich alle Wünsche, um dann zur Diebin zu werden.

So wird von allen immer wieder neu kalkuliert, selbst die Kosten für das Stück, das der Zuschauer sieht und auch das bleibt ungefähr gleich X, denn Hemden, die im Fundus aufgestöbert werden, haben keinen exakten Wert mehr. Die Figuren stellen Berechnungen auf. Ein Job kostet eine Weiterbildung plus ungefähr 98 Cent pro Bewerbung, aber das garantiert eben nicht die erträumte Karriere. Das Leben lässt sich nicht im Voraus kalkulieren, weil Du nie weißt, was im nächsten Moment passieren könnte. Und nichts hat einen exakt zu bemessen Wert, weil dieser von den jeweiligen Verhältnissen bestimmt wird. Es ist ein unterhaltsamer Abend, bei dem einem auch mal das Lachen im Halse stecken bleibt. Die Darsteller überzeugen und vielleicht fühlt man sich zwischendurch auch ertappt, wenn die wahren Gedanken ausgesprochen werden, die doch eigentlich unter der Oberfläche bleiben sollen.

≈[ungefähr gleich]
von Jonas Hassen Khemiri
Deutschsprachige ErstauffŸhrung 13. September im Thalia in der Gaußstra§e

Regie Anne Lenk, BüŸhne Judith Oswald, KostüŸme Eva Martin, Dramaturgie Natalie Lazar
Darsteller: Christina Geiße, CathŽérine Seifert, Steffen Siegmund, AndrŽé Szymanski

www.thalia-theater.de

Fotos: © Krafft Angerer ka@krafft-angerer.de  mit freundlicher Genehmigung.

Copyright: Krafft Angerer

v.l.n.r. Steffen Siegmund, Cathérine Seifert, Christina Geiße und André Szymanski © Krafft Angerer

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