Schwerelos im eigenen Kopfkino – Nils Frahm auf Kampnagel

Nils Frahm auf Kampnagel

Nils Frahm auf Kampnagel

Vermutlich würde es niemand lustig finden, wenn er seine Arbeit nicht mit dem gewohnten Werkzeug erledigen kann oder wenn man im Büro plötzlich nicht an seinem gewohnten Platz sitzen und nicht an SEINEM PC arbeiten kann. Wie muss es also erst für einen Musiker sein, dessen wichtigste Instrumente zu einem großen Teil in Rom am Flughafen hängen geblieben sind und der noch tagsüber zusammen mit dem Veranstalter das notwendige Equipment zusammenstellen muss, um dann trotzdem ein anderes als das geplante Konzert spielen zu müssen, weil nicht alles zu beschaffen war. Nils Frahm ist ein Musiker, der sein Publikum von seinem Missgeschick erzählt und es einlädt, sich auf dieses Experiment einzulassen, denn so wie geplant, wird das Konzert nicht sein, aber ein Grund es abzusagen, sah er auch nicht. Und so erkundet er die Bühne und probiert die verschiedenen Klaviere aus. Das erste Stück noch verhalten, auf Distanz bleibend zum Publikum, so schlägt schon mit dem zweiten Stück die Stimmung um. Und jeder im Saal geht schon bald auf seine ganz eigene Reise. Es ist eine Musik, die im Kopf alle möglichen Bilder entstehen lässt. Und dass er Bilder untermalen kann, hat der Pianist ja schon mit dem Soundtrack zu „Victoria“ bewiesen. Schon bald scheinen alle ein wenig hypnotisiert, wiegen sich leicht, spielen mit den Fingern Klavier auf dem Oberschenkel, die einen mit geschlossenen Augen, die anderen auf Nils Frahm fixiert, der mal wie ein Steuermann am Synthesizer steht und mit dem Rücken zum Publikum die K6 auf Kampnagel durch den Abend navigiert, um gleich darauf am Piano kraftvolle und treibend einen Klangteppich zu weben, während ihm der Schweiß in Strömen vom Gesicht läuft. Ein bisschen ist er wie ein Kind, der neues Spielzeug entdeckt, aber für ihn als Pianist ist es wohl doch noch etwas anderes, als wenn einem Geiger seine Violine abhanden kommt. Nils Frahm ist ein Profi, der sein Publikum nicht enttäuscht und so bekommen wir vom langsamen, melancholischem, allein vom Klavier getragenen Stück bis zur dynamischen Synthesizer-Klavier-Kombination alles geboten und driften alle ein wenig davon, wie es jemand so schön getwittert hat. Leider geht Nils Frahm nun erst mal nach Amerika. Hier in Deutschland ist er erst im nächsten Jahr wieder zu sehen und zu hören.

 

Nils Frahm nach dem Konzert

Nils Frahm nach dem Konzert auf Kampnagel

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